Villeroy & Boch: Eine Bewertung nach der 10-Punkte-Checkliste von Benjamin Graham

In diesem Beitrag bewerten wir das Unternehmen Villeroy & Boch mit der 10-Punkte-Checkliste von Benjamin Graham und James Rea, einem Leitfaden aus den 1970er Jahren zur Identifizierung von Unternehmen mit soliden Fundamentaldaten und niedrigen Bewertungen. Der Beitrag gliedert sich in die Vorstellung und Analyse der Erfüllung jedes einzelnen Kriteriums durch Villeroy & Boch, gefolgt von einer zusammenfassenden Tabelle und einer abschließenden Bewertung basierend auf den Ergebnissen.

Überblick

Villeroy & Boch, gegründet 1748, ist ein weltweit anerkannter deutscher Hersteller von Premium-Keramikprodukten. Bekannt für exquisit gestaltetes Geschirr, Besteck, Glaswaren sowie hochmoderne Badezimmer- und Wellness-Lösungen, gilt das Unternehmen als ein führendes Unternehmen in der Keramikbranche.

In dieser Analyse verwenden wir die 10-Punkte-Checkliste, die ich in einem früheren Beitrag erläutert habe, zur Bewertung von Villeroy & Boch. Die Kennzahlen für diese Bewertung stammen teilweise von Onvista und basieren auf den vollständig verfügbaren Daten aus dem Jahr 2022.

 

Die 10-Punkte-Checkliste anhand von Villeroy & Boch

 

1. Die Gewinnrendite sollte mindestens doppelt so hoch sein wie die Verfallrendite von AAA-Anleihen.

Die Gewinnrendite, definiert als Kehrwert des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV) einer Aktie, setzt den aktuellen Kurs einer Aktie ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie.

Auf der anderen Seite steht die Verfallrendite (Yield to Maturity, YTM), die die jährliche Gesamtrendite darstellt, die ein Anleger erzielen würde, wenn er eine Anleihe bis zu ihrem Fälligkeitsdatum hält.

Wenn wir diese beiden Renditen analysieren, stellen wir fest, dass das KGV von Villeroy & Boch für 2022 bei 6,27 liegt, was einer Gewinnrendite von 16 % entspricht, während die Verfallrendite von AAA-Unternehmens-Anleihen laut Moody’s für das Jahr 2023 4,77% beträgt

Die Gewinnrendite von 16 % ist deutlich mehr als das Doppelte von der Verfallrendite mit 4,77 %.

2. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis sollte unter 40% seines höchsten Wertes in den letzten 5 Jahren liegen

Das KGV von Villeroy & Boch lag im Jahr 2022 bei 6,27. In den letzten fünf Jahren war das höchste KGV 17,35.

6,27 ist kleiner als 40% (=6,94) von 17,35.

3. Die Dividendenrendite sollte mindestens 2/3 der Verfallrendite von AAA-Anleihen betragen

Mit einer Dividendenrendite von 7,16 % im Jahr 2022 liegt Villeroy & Boch über 2/3 der aktuellen Verfallrendite von AAA-Anleihen (4,77 %). Die Dividendenrendite zeigt das Verhältnis der Dividende zum Aktienkurs.

4. Der Aktienkurs sollte unter 2/3 des materiellen Buchwerts liegen

Der materielle Buchwert eines Unternehmens ist der Wert aller physischen oder „materiellen“ Vermögenswerte abzüglich aller Verbindlichkeiten. Bei Villeroy & Boch beträgt das Kurs-zu-materiellem-Buchwert-Verhältnis 1,39, was bedeutet, dass das Unternehmen dieses Kriterium nicht erfüllt.

5. Der Aktienkurs sollte unter 2/3 des Liquidationswerts liegen

Der Liquidationswert ist das im vorangegangen Artikel angesprochene „Fleisch auf den Knochen“, das ein Unternehmen übrighätte, wenn es scheiterte, und eine Annäherung an das, was die Aktionäre übrighätten, wenn das Unternehmen eine schnelle Liquidation durchlaufen würde.

Grundlagen des Liquidationswerts: Definition und Komponenten

Liquidationswert = Umlaufvermögen – kurzfristige Verbindlichkeiten – langfristige Schulden – Vorzugsaktien

 

        • Umlaufvermögen bezeichnet die Vermögenswerte des Unternehmens, die in kurzer Zeit in Bargeld umgewandelt werden können.
        • Kurzfristige Verbindlichkeiten sind Schulden des Unternehmens, die innerhalb eines Jahres fällig werden.
        • Langfristige Schulden sind Verbindlichkeiten, die über ein Jahr hinaus bestehen.
        • Vorzugsaktien bezeichnen den Betrag, der den Inhabern von Vorzugsaktien im Falle einer Liquidation des Unternehmens ausgezahlt würde.

Berechnung des Liquidationswerts

 

Folgende Zahlen stammen aus der Bilanz von Villeroy & Boch (siehe Geschäftsbericht):

        • Umlaufvermögen: 659 Mio. €
        • Kurzfristige Verbindlichkeiten: 331 Mio. €
        • Langfristige Verbindlichkeiten: 75 Mio. €
        • Vorzugsaktien: 71,9 Mio. € (da Villeroy & Boch ausschließlich Vorzugsaktien hat, ist diese Zahl identisch mit dem gezeichneten Kapital)

= 659 – 331 – 75 – 71,9

= 181,1 Mio. €

Liquidationswert pro Aktie = Gesamtliquidationswert / Anzahl der Aktien

= 181,1 Mio. € / 14,044,800 Aktien

Das ergibt etwa 12,89 € pro Aktie.

Nun berechnen wir 2/3 dieses Wertes:

2/3 * Liquidationswert pro Aktie = 2/3 * 12,89 € = 8,59 €

Da der aktuelle Aktienkurs (19,50 €, Stand 29.05.2023) über 8,59 € liegt, liegt der Aktienkurs nicht unter 2/3 des Liquidationswerts.

6. Das Fremdkapital sollte geringer als das Eigenkapital sein.

Die Fremdkapitalquote beträgt laut Bilanz ca. 62 %.

7. Der Liquiditätsgrad (Verhältnis von flüssigen Mitteln zu kurzfristigen Verbindlichkeiten) sollte über 2 liegen.

Der Liquiditätsgrad, auch als Liquiditätsquote oder Current Ratio bekannt, misst die Fähigkeit eines Unternehmens, seine kurzfristigen Verbindlichkeiten mit seinem kurzfristigen Vermögen zu decken. Ein hoher Liquiditätsgrad deutet darauf hin, dass das Unternehmen in der Lage ist, seine kurzfristigen Verpflichtungen zu erfüllen, was auf eine gute finanzielle Gesundheit hindeutet. Hier ist die Formel zur Berechnung:

Liquiditätsgrad = Umlaufvermögen / kurzfristige Verbindlichkeiten

 

= 659 Mio. € / 331 Mio. €

= 1,99

Der Liquidätsgrad liegt mit 1,99 unter 2.

8. Das Fremdkapital sollte kleiner als das Doppelte des Liquidationswerts sein.

Dieses Kriterium stellt sicher, dass das Unternehmen nicht übermäßig verschuldet ist, was das Risiko für die Aktionäre reduziert. Das Fremdkapital beträgt laut Bilanz 277 Mio. €.

Der Liquidationswert, siehe oben, ist 181,1 Mio € * 2 = 362,2 Mio. €.

277 Mio. € (Fremdkapital) <  362,2 Mio. € (Liquidationswert*2)

9. Das durchschnittliche Gewinnwachstum sollte mindestens 7% pro Jahr in den letzten 10 Jahren betragen.

Um das durchschnittliche Gewinnwachstum der letzten 10 Jahre zu berechnen, verwenden wir die Formel für die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate (Compound Annual Growth Rate):

CAGR = (n√Endwert / Anfangswert – 1) * 100

 

Endwert (Gewinn im Jahr 2022) = 2,67

Startwert (Gewinn im Jahr 2013) = 0,9

Anzahl der Jahre = 2022 – 2013 = 9

CAGR = ((2,97 / 0,9)^(1/9) – 1) * 100 = 11,56%

Das durchschnittliche Gewinnwachstum der letzten 9 Jahre (leider konnte ich nur die Daten der letzten 9 Jahre finden) beträgt 11,56%. Dies übertrifft das von Graham festgelegte Mindestwachstum von 7% deutlich.

10. Es gab in den letzten 10 Jahren maximal zwei Gewinnrückgänge, die größer als 5 Prozent waren.

Das Unternehmen hatte lediglich einmal einen Gewinnrückgang zu verzeichnen und zwar vom Jahr 2019 auf 2020.

Fazit

 

Im Lichte der 10-Punkte-Checkliste von Graham erzielt Villeroy & Boch insgesamt 6 von 10 Punkten. Vor allem im Bereich der Gewinn- und Dividendenrendite kann das Unternehmen punkten und übertrifft sogar die Anforderungen. Hier zeigt sich die Stärke des Unternehmens und seines Geschäftsmodells.

Einen Punkt, den das Unternehmen nicht erfüllt, ist das Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital. Jedoch ist es wichtig, diesen Punkt im Kontext des Geschäftsmodells und der Branche zu betrachten. Als Unternehmen in der Herstellungsindustrie kann Villeroy & Boch eine höhere Fremdkapitalquote aufweisen. Dies könnte auf das kapitalintensive Geschäft zurückzuführen sein.

Es ist auch wichtig zu betonen, dass die 10-Punkte-Checkliste von Graham eine sehr strenge Methode zur Bewertung von Unternehmen darstellt. Eine Punktzahl von 6 ist daher eigentlich ein ziemlich gutes Ergebnis und zeigt, dass das Unternehmen in vielen wichtigen Bereichen gut aufgestellt ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Villeroy & Boch in vielen Bereichen überzeugen kann. Trotz einiger Schwachstellen, wie dem Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital und dem Liquiditätsgrad, zeigt das Unternehmen Stärke in anderen Bereichen, insbesondere in Bezug auf die Gewinn- und Dividendenrendite.

 

Übersicht der Resultate

 

 

Kriterium Punkte
Gewinnrendite mindestens doppelt so hoch als die Verfallrendite von AAA-Anleihen 1
KGV niedriger als 40 Prozent des höchsten KGVs der letzten 5 Jahre 1
Dividendenrendite mindestens so hoch wie 2/3 der Verfallrendite von AAA-Anleihen 1
Aktienkurs niedriger als 2/3 des materiellen Buchwerts 0
Aktienkurs niedriger als 2/3 des Liquidationswerts 0
Fremdkapital < Eigenkapital 0
Liquiditätsgrad > 2 0
Fremdkapital < 2-facher Liquidationswert 1
Durchschnittliches Gewinnwachstum pro Aktie >= 7 Prozent in den letzten 10 Jahren 1
Es gab in den letzten 10 Jahren maximal zwei Gewinnrückgänge > 5 Prozent 1
Summe 6

Aktuelle Beiträge

Free Cash Flow Cows Strategie nach Jae Jun

Free Cash Flow Cows Strategie nach Jae Jun

Im Folgenden gebe ich dir einen Überblick über die Free Cash Flow Cows-Strategie, einschließlich ihrer Kernprinzipien, Erfolgsbilanz und Kennzahlen. Außerdem beschreibe ich, wie Privatanleger die Strategie mithilfe von Finanzkennzahlen umsetzen können. Jae Jun:...

High Quality Meets Deep Value

High Quality Meets Deep Value

In diesem Artikel stelle ich Euch eine interessante Investmentstrategie vor, die "Piotroski F-Score und Kurs-Buchwert-Ratio Strategie". Sie basiert auf der Kombination von zwei wichtigen Kennzahlen: dem Piotroski F-Score und dem Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV). Durch...

Value and Growth Strategie nach Montier

Value and Growth Strategie nach Montier

Die quantitative Aktien-Strategie, "Value and Growth" nach James Montier, einem renommierten Value Investor und Forscher, basiert auf lediglich zwei Kennzahlen: das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) und das Gewinnwachstum. In diesem Artikel werden wir Montiers Studie und...